Christa Wolf sieht die Frau in der Rolle der Unterdrückten, die geschichtlich
besiegt und zu einem Objekt gemacht wurde.
Zu Medeas Zeit vollzog sich in Korinth der Wechsel vom Matriarchat zum
Patriarchat.Frauen mit starker Persönlichkeit wurden deshalb von ihrer Umgebung
gefürchtet und angegriffen. Frauen, die sich mit Kräutern auskannten und nicht
bereit waren ihr Wissen aufzugeben, wurden oft als Hexen oder Zauberinnen
bezeichnet.
Die Stellung der männlichen Griechen (in diesem Fall Akamas) zum Matriarchat,
also den alten überlieferten Grundsätzen kommt in Christa Wolfs Roman gut zum
Ausdruck: "...denn nach einer längst sinnlos gewordenen Sitte hatte der König
die Krone von der Königin geliehen bekommen, die Herrschaft vererbte sich in
der mütterlichen Linie..." (S.115).
Starke Frauen wurden immer unterdrückt, wenn sie etwas zu sagen hatten,
"...denn auch sie war vertrieben worden, als sie mit ihren Frauen ernsthaft gegen
den König und seinen Hofstaat auftrat, sie hetzten die Leute gegen Kirke auf,
lasteten ihr Verbrechen an, die sie selbst begangen hatten, und brachten es
fertig, ihr den Ruf einer bösen Zauberin anzuhängen, ihr alles Vertrauen zu
entziehen, sodass sie nichts, gar nichts mehr tun konnte." (S.99)
Medea wird Opfer von Intrigen des königlichen Palastes, weil die Machthaber
fürchten, dass ihr Geheimnis möglicherweise weiterverbreitet wird. Der
korinthische König hat nämlich seine kleine Tochter umbringen lassen, weil sie als
eine Frau nicht die Nachfolgerin sein sollte.
Auch die Königin Merope musste zusehen, wie ihre kleine Tochter damals
umgebracht wurde, sie konnte nichts dagegen tun, sie konnte die Täter nicht
aufhalten.
Nun wohnt sie in einer dunklen Kammer des Palastes, wo die Knochen der
Tochter begraben sind. ".. eher eine Gefangene als eine Herrscherin, bedient und
bewacht von zwei seltsamen urtümlichen Weibern..." (S.18). Die verlorene,
traurige Königin muss zwar bei offiziellen Anlässen erscheinen, sie verbirgt aber ihr
Leid nicht.
"Er muss diese Frau gezwungen haben, all diesen neugierigen, eitlen Leuten
ihr zerstörtes Gesicht hinzuhalten, wie mich Jason dazu gebracht hat, ihnen eine
Komödie vorzuspielen." (S.19)
Christa Wolf geht vom ursprünglichen Drama Euripides' aus und lässt Medea in
einem ganz anderen Licht erscheinen. Denn in der griechischen Mythologie wurde
Medea als ein böses, intrigantes Weib dargestellt. Das Schreckensbild der
Frau hat jahrhundertelang auf die europäische Kultur gewirkt. Als die
abschreckende Gestalt der Medea, hat die europäische Tradition nicht nur die
Kindermörderin, sondern auch die Rache ausübende Frau, die sich ihren weiblichen
Funktionen verweigert, behalten.
Die Frau bei Euripides wird nicht nur ihres Charakters als Ware bewusst,
sondern hat auch den ökonomischen Charakter der Ehe eingesehen.
Die Mütter hatten früher Kinder zu gebären, die zu Kriegszeiten und sonstigen
Opferdiensten verwendet werden konnten, diese Opfer sollten aber von
väterlicher Hand ausgeführt werden. Der Aufstand der Medea kann als eine
Grenzüberschreitung der Geschlechterrollen und der Kultur verstanden werden.
Christa Wolf hat Medea " unschuldig " gesprochen, indem sie den Kindermord
als Machenschaft der Herrscher betrachtet.
Die Parteilichkeit der Autorin wird in ihrem Roman deutlich, weil sie die
Medea immer als gut darstellt und einige andere, obwohl sie in Monologen
sprechen, gegen sich selbst aussprechen lässt.
Sie hat als Feministin geschrieben. Christa Wolf geht es aber nicht um die
Propagierung einer Rückkehr zum Matriarchat.
Auf die Interviewfrage, ob eine Rückkehr ins Matriarchat ihrer Meinung nach
sinnvoll wäre, antwortet sie: Nein.
Wahrscheinlich habe es ein vollkommen ausgebildetes Matriarchat als
"Frauenherrschaft" nie gegeben, und ein Zurück in frühe undifferenzierte Verhältnisse
gäbe es sowieso nicht. Vielmehr weist sie hin auf die Möglichkeit der
Emanzipation von Frauen und Männern in dem Sinne, dass nicht das eine Geschlecht das
andere dominiert, sondern dass beide zusammen die Welt gestalten sollen.
Quellen:
- www.informatik.hu-berlin.de/~thalheim/dokumente/christa-wolf.html
- www2.uni-jena.de/philosophie/phil/tr/11/rezsim2.php