Ein Projekt des Deutsch-GK-12 des Erich Kästner Gymnasiums Köln

 

Theaterstück: "Medea in Kolchis" (Heiko Ellinger)

Wichtige Personen:

Medea
-
Tochter des Königs Aietes, Thronfolgerin in Kolchis
Jason
-
Abenteurer, rechtmäßiger König von Jolkos
Chira
-
Magd der Medea in Kolchis
Aietes
-
König von Kolchis
Lyssa
-
Gefährtin der Medea
Absyrtos
-
Bruder der Medea

Einleitung:

Die Geschichte spielt vor dem Drama von Euripides und erzählt die Anfänge von Medeas Geschichte, nachdem Jason in ihr Leben tritt. Dabei wurde darauf geachtet, ausschließlich Szenen zu beschreiben, in denen Medea selbst vorkommt. Deshalb gibt es etwa keine Dialoge die Angelegenheiten Jasons betreffend. Die Geschichte soll einen Einblick darin geben, was in Kolchis passiert ist und wie Medea und Jason nach Korinth gelangen.

Palast des Königs Aietes - Medeas Schlafgemach:

Herrin, seht doch nur! Dort draußen!
Warum weckst du mich zu so früher Stunde? Nichts kann so wichtig sein, dass mein Schlaf gestört wird.
Aber Herrin, nun schauet doch aus dem Fenster, es sind ungebetene Gäste im Morgengrauen erschienen. Ihr solltet zum Hafen gehen und sie in Empfang nehmen.
Bin ich eine Gesandte des Königs?
Ihr seid seine Tochter -
- es reicht. Ich weiß, wer ich bin. Leider, so möchte ich es manchmal ausdrücken. Aber nun gut, ich möchte unsere Gäste nicht beleidigen. Meine Garderobe liegt bereit?
Ich kam bisher nicht dazu -
- halte ein, ich werde mich selbst darum kümmern, du musst mich nicht andauernd bedienen.
Aber Herrin, es ist meine Aufgabe. Ich diene euch, so wie ich eurem Vater, unserem König, diene.
Ich bin nicht wie mein Vater, ich habe das alles nicht nötig. Ich habe die Dienerschaft nicht nötig, ich habe den Palast nicht nötig. Nicht selten sehne ich mich nach einem neuen Anfang, nach einem Leben abseits dieser so scheinheiligen Welt.
Ihr habt hier doch alles, was ihr euch nur wünschen könnt -
- glaubst du das wirklich? ... Die Zeit drängt, unsere Gäste sollten nicht zu lange warten.

Hafen von Kolchis:

Seid gegrüßt, Fremdling, ich heiße euch im wunderschönen Kolchis willkommen. Vor euch steht Medea, die Tochter des Königs Aietes. Mit wem habe ich das Vergnügen?
Jason von Jolkos, zu euren Diensten. Dies hier sind die Argonauten, meine furchtlosen Gefährten auf dieser langen Reise in euer Land. Wir kommen mit einer wichtigen Angelegenheit zu euch, genauer zu König Aietes.
Wollt ihr euch nicht zuerst von der Reise erholen?
Unsere Reise erlaubt keine Erholung, wir müssen sofort zum König.
Wenn dies euer Wille ist, will ich euch zu ihm führen. Folgt mir, Jason von Jolkos.

Palast des Königs Aietes, Thronsaal:

Jason und die Argonauten von Jolkos bitten um eine Audienz bei König Aietes.
Führe sie herein, meine Tochter.
(Jason und die Argonauten betreten den Saal)
Habt Dank, König Aietes, wir wissen eure Gastfreundschaft zu schätzen. Ich komme in einer vertraulichen Angelegenheit zu euch, die keinen Aufschub duldet.
Interessant, sehr interessant. Die gesamte Dienerschaft soll sich aus dem Saal entfernen. Auch du, Medea.
Aber Vater, ich -
- nein, keine Widerrede. Das ist ein Befehl.
Ja, Vater...

Palast des Königs Aietes, Medeas Wohngemach

Der Dienerschaft gleich gestellt, welch eine Beleidigung.
Herrin, was ist mit euch?
Mein Vater ist der König –
– und ihr werdet seinen Platz eines Tages einnehmen.
So ist es angedacht, ja. Aber Chira, auch du wirst bemerkt haben, dass mein Vater ein anderes Ziel verfolgt als mir den Thron zu überlassen. Seine Machtgier nimmt ihn vollkommen ein. Manchmal frage ich mich, ob ich das überhaupt will, Königin von Kolchis sein. Aber darum sollten wir uns nun nicht kümmern.
Ihr habt Recht, Herrin. Die neusten Ereignisse scheinen ohnehin von großer Wichtigkeit zu sein. Ich konnte am Hafen in Erfahrung bringen, was die Besatzung des Schiffes hier in Kolchis möchte. Man erzählt sich auf den Straßen, dass sie das goldene Vlies eures Vaters holen möchten und –
– das goldene Vlies? Mit welcher Berechtigung?
Einer der Männer bezeichnet sich als der rechtmäßige Besitzer des Vlieses.
Sag, Chira, kennst du den Namen?
Sein Name ist Jason. Er scheint der Führer der Gruppe zu sein.
(flüstert) Er scheint auch ein interessanter Mann zu sein.
Was sagt ihr, Herrin?
Ach…gar nichts, Chira, gar nichts. Aber sieh nur dort draußen, das schöne Wetter, welches sich ausbreitet. Es scheint, als sei es mit dem Schiff der Ankömmlinge gezogen.
(die Tür wird geöffnet, Lyssa schaut herein)
Medea, endlich habe ich dich gefunden. Du wirst im Palastgarten erwartet.

Palast des Königs Aietes, Palastgarten

Jason, euch habe ich hier noch nicht erwartet. Konntet ihr euch mit meinem Vater einigen? Habt ihr, weswegen ihr gekommen seid? Habt ihr das goldene Vlies?
Ich grüße euch Medea, woher wisst ihr von meinen Absichten.
Ich war nicht untätig und habe Informationen einholen lasen.
Dann kann ich wohl ehrlich zu euch sein, ihr würdet die Wahrheit sowieso irgendwie erfahren: Euer Vater hat mir das goldene Vlies überlassen, zumindest falls ich es erreichen kann.
Wer soll euch denn daran hindern?
Habt ihr die Geschichten nicht gehört? Das Vlies wird von einem furchterregenden Drachen bewacht, dessen Schwachstelle schon viele erfahrene Abenteurer gesucht, jedoch nie gefunden haben.
Ich glaube daran, dass ihr es schaffen könnt.
Ich danke euch für eure Unterstützung. Doch nun muss ich mich entschuldigen, es gibt noch einiges vorzubereiten. Außerdem sollte ich meine Mannschaft nun auch zu Rate ziehen.
Ich hoffe, dass wir uns sehr bald wieder sehen.
Das hoffe ich auch.

Palast des Königs Aietes, Absyrtos` Wohngemach

Absyrtos, geht es dir gut?
Nein, seit geraumer Zeit nicht mehr. Vater scheint finstere Pläne zu schmieden, so berichtete man mir. Und ich scheine in seinen Überlegungen eine Rolle zu spielen.
Zu welchen Taten treibt die Machtgier den Vater? Absyrtos, sag schon! Oder habe ich das nun missverstanden?
Ich weiß es auch nicht, Medea, ich weiß es wirklich nicht. Wir können einfach nur hoffen, dass Vater seine Liebe über die Machtgier stellt. Dann wird schon alles gut gehen, Medea, das verspreche ich dir. Und sollte mir doch etwas zustoßen…ach, reden wir nicht davon, solange wir keinen wahren Grund zur Sorge haben. Was führt dich zu mir?
Ich wollte nach dir sehen. Hast du von den Neuankömmlingen gehört?
Ja, ich war heute Morgen dort unten am Hafen, als sie kamen. Vater sagte mir bereits aus welchem Grund sie kamen und so wie ich dich kenne, weißt du es auch schon.
Sie wollen das goldene Vlies holen. Ja, das erzählte man mir schon früh nach ihrer Ankunft. Die ganze Mannschaft reiste mit Jason von Jolkos hierher, ein sehr netter Mann und scheinbar sehr abenteuerlustig.
Du scheinst ein Auge auf ihn geworfen zu haben, liebste Schwester.
Schon möglich, Absyrtos, schon möglich.
Aber du weißt, dass du damit die Tradition in Kolchis durchbrechen würdest?
Ach, Absyrtos, ich weiß nicht einmal, was unsere Traditionen hier noch wert sind. Wärest du nicht hier, ich wäre wohl schon längst aus diesem Land geflohen. Doch du gibst mir jeden Tag auf`s Neue Mut.
Und das wird auch immer so bleiben, da bin ich mir –
– Absyrtos, euer Vater bittet in einer dringenden Angelegenheit um euer Gehör.

Palast des Königs Aietes, Medeas Schlafgemach

(3 Tage sind vergangen, König Aietes übergab den Thron seinem Sohn Absyrtos. Seine genannte Absicht, sich aus der Politik und dem Machtspiel von Kolchis nun raushalten zu wollen, ist allerdings nur ein Vorwand, um seinen Plan durchführen zu können. Denn indem er Absyrtos auf den Thron setzt, umgeht er die weibliche Thronfolge, die ansonsten Medea den Thron eines Tages zugesprochen hätte.)
Medea, oh Medea, nun wache doch auf.
Lyssa, was machst du so spät in der Nacht hier? Wie siehst du überhaupt aus? Dein Haar zerzaust, deine –
– Medea, höre mich doch an. Die Schreckensnachricht duldet keinen weiteren Aufschub.
Schreckensnachricht? Es wird doch nicht –
– Medea, Absyrtos, es geht um Absyrtos. Er…er (die Tränen gleiten ihr über die Wangen)…er ist tot.
Tot? Absyrtos ist tot? Nein, das kann nicht sein, nein, du irrst dich. Du musst dich einfach irren.
Oh Medea, ich wünschte, es wäre so. Aber er…also,…ich habe ihn gesehen, wie er –
– du hast ihn gesehen? Wo ist er? Wo ist mein geliebter Bruder? Ich kann ihm doch helfen. Er braucht doch nur meine Hilfe. Lyssa, führe mich zu ihm! Lyssa, oh Lyssa, weiß Vater schon davon?
Ohne König Aietes gäbe es dieses Unglück nicht…
Du willst damit sagen, er hat Absyrtos getötet? Er hat seinen eigenen Sohn getötet?
Es ist alles so schrecklich. Er hat Absyrtos für seine Spielchen benutzt und sich dieser Last nun entledigt. Wozu die Machtgier einen Menschen bringen kann.
Lyssa, bitte bring mich zu Absyrtos. Ich will ihn sehen.
Medea, ich kann nicht, ich kann ihn nicht noch einmal so sehen.
Dann sag mir zumindest, wo er nun ist?
Ja, das will ich tun. Du sollst ihn sehen. Er befindet sich auf dem heiligen Acker vor dem Palast, Medea, doch gehe geschwind, denn ich weiß nicht, ob die Schergen von Aietes noch einmal zurückkommen.
Ja, Lyssa, ich werde mich beeilen. Und wenn ich Absyrtos` Leben schon nicht retten kann, so will ich zumindest seine Ehre retten. Ach Lyssa, was ist nur aus dem schönen Kolchis, unserer friedlichen Heimat geworden?

Heiliger Acker, vor dem Palast

(Medea irrt mit einer Fackel durch die rabenschwarze Nacht und findet, was sie gesucht hat. Absyrtos` Körper wurde zerstückelt und auf dem Feld verteilt. Medea beginnt, die Stücke aufzusammeln.)
Oh, Absyrtos, das alles hier kann doch nicht die Wahrheit sein. Das kann doch nicht unser Schicksal, unsere Gegenwart sein. Warum musstest du für die Gier unseres Vaters bezahlen? Warum du? Du bist immer so unschuldig gewesen und bist es auch jetzt noch. Ich kann meine Trauer nicht in Worte fassen, doch mit dir ist auch ein Teil von mir von dieser Welt gegangen. Doch gerade jetzt will ich den Blick nach vorne richten. Absyrtos, ich will Kolchis verlassen. Ich werde das dreckige Leben hier zurücklassen und neu beginnen. Das hier ist nicht mehr meine Heimat. Mein Bruder ist tot, mein Vater ist für mich tot. Es gibt nichts, was mich noch hier hält, aber vieles, was mich in die Welt hinaus zieht. Es tut mir so Leid, dass ich dir nicht helfen konnte, Absyrtos. Ich möchte deinen Tod rächen, doch Gewalt hast du immer verschmäht, also werde ich einen anderen Weg finden. Es tut mir Leid, das ich nicht mehr machen kann.

Hafen von Kolchis

Gut, dass ihr noch nicht aufgebrochen seid, Jason.
Ihr hier, Medea? Was bringt euch zu so später Stunde zu mir?
Ich möchte euch helfen, das goldene Vlies zu bekommen. Ich habe einen Trank entwickelt, mit dem es euch möglich sein sollte, Wachen und Drachen gleichermaßen auszuschalten.
Aber warum wollt ihr mir helfen? Ihr hintergeht damit euren Vater…
Ich hintergehe ihn, so wie er mich hintergangen hat.
Aber was wollt ihr als Gegenleistung, Medea? Ich bin weder reich noch mächtig in diesem Land, ich kann euch hier nicht helfen.
Aber ihr könnt mich auf eurem Schiff mitnehmen. Ich will weg von hier, Jason, und eure Argo wäre die ideale Möglichkeit.
Wenn das euer Wunsch ist und ich den Drachen lebend überstehe, dann will ich euch diesen Wunsch auch erfüllen und euch auf der Argo willkommen heißen.
Ich danke euch, Jason und freue mich auf unser Wiedersehen. Wann wollt ihr aufbrechen?
So schnell wie möglich nachdem das Vlies in meinen Händen ist. Ich werde euch Bescheid geben, Medea, erwartet meine Nachricht am morgigen Abend.
Ich werde bereit sein, Jason. Ich wünsche euch alles gute für die Suche nach dem Vlies.
Danke Medea, vielen Dank.
(Medea geht und bemerkt nicht die dunkle Gestalt, die das Gespräch aus dem Schatten heraus belauscht hat.)

Palast des Königs Aietes, Medeas Schlafgemach

Habt ihr Jason den Trank gegeben, Medea?
Ja, Chira, er schien sehr froh über meine Hilfe. Nach allem, was ich über den Drachen nun gehört habe, scheint er die auch zu brauchen.
Und hat er eingewilligt, euch mitzunehmen?
Ja, das hat er. Morgen Abend soll es dann soweit sein. Er will mir eine Nachricht zukommen lassen, wenn wir zum Hafen kommen sollen.
Wir?
Ja, wir, ich dachte, du würdest mich begleiten.
Ich weiß nicht so recht, ob – (es klopft an der Tür) Moment, Herrin, ich werde nachsehen, wer zu so später Stunde noch ein Anliegen an euch hat. (geht zur Tür und öffnet sie, niemand ist auf dem Flur zu sehen. Auf dem Boden steht eine Flasche Wein. Chira hebt die Flasche auf und geht wieder zu Medea.)
Was hast du da, Chira, wer war an der Tür?
Niemand Herrin, es war niemand da. Aber diese Flasche Wein stand dort. Dieses Pergament war darum gewickelt: ’Dieser Wein aus eigenem Anbau soll euren Gaumen erfreuen, so wie ihr unser Volk erfreut, Medea.’ Es scheint ein Geschenk aus dem Dorf zu sein.
Dann lass uns unseren letzten Abend hier in Kolchis mit dem einzig noch guten beenden, Chira.
(Chira öffnet die Flasche und schenkt den Wein in zwei Gläser ein. Sie probiert den Wein zuerst.)
Köstlich, Medea, köstlich. Er schmeckt so rein wie…wie (atmet schwer)…ich muss mich verschluckt haben…ich bekomme keine Luft…(Schweiß bricht auf ihrer Stirn aus, Medea versucht ihr zu helfen)
Chira, was ist mit dir?
Ich kann nicht…nicht atmen…meine Kehle…zugeschnürt…(doch dann kein Laut mehr, Chiras Kopf kippt nach hinten über, Medea hält den leblosen Körper in Händen)
Nein, Chira, das darf nicht sein. Dieser Wein war für mich bestimmt…Gift…jemand wollte mich aus dem Weg schaffen und ich denke, ich weiß, wer dieser jemand ist. Ich muss hier weg…Gift…zu so etwas wäre ich nie fähig…

Palast des Königs Aietes, Palastgarten

(am nächsten Abend)
Lyssa, hast du es schon gehört? Chira wurde ermordet. Ermordet mit Gift, das für mich bestimmt war.
Ja, Medea, ich habe es heute morgen erfahren. Die Situation hier verschlimmert sich von Tag zu Tag. Aber ich habe eine gute Nachricht für dich. Jason hat das goldene Vlies, er kam heute Mittag zu mir, damit ich dir diese Nachricht überbringen kann. Er erwartet uns in wenigen Stunden unten am Hafen, denn die Argo scheint bereit für die lange Reise zu sein.
Ich wusste, dass er es schafft. Nun ist der Weg für uns frei, Lyssa, wir sind frei, hinzugehen, wohin wir möchten. Wie viele werden uns begleiten?
Es sind knapp dreißig Kolcher und Kolcherinnen, die mit uns dieses Wagnis in Angriff nehmen, Medea. Sie alle sind zu äußerster Geheimhaltung verpflichtet. So sollten wir einen ausreichenden Vorsprung vor den Handlangern deines Vaters bekommen.
Die Zeit drängt, Lyssa. Wir sollten uns so schnell wie möglich fertig machen. Lass uns unsere Gefährten sammeln und dann aufbrechen.

Hafen von Kolchis

Da seid ihr ja, Medea. Und wie ich sehe, sind eure Gefährten auch alle da. Die Argo ist bereit für die Reise und wir sollten sofort aufbrechen, bevor König Aietes auf unser Vorhaben aufmerksam gemacht wird.
Er weiß schon Bescheid, seine Männer bereiten sich auf unsere Verfolgung vor, aber noch haben wir einen kleinen Vorsprung.
Dann können wir keinen weiteren Aufschub mehr dulden. Wir müssen sofort aufbrechen. Alle Mann an Bord.
Oh, Lyssa, werden wir dieses Land vermissen?
Nein, Medea, vermissen werden wir es nach den jüngsten Ereignissen sicher nicht. Aber wir sollten es in Erinnerung behalten. Wir dürfen unsere Wurzeln niemals leugnen, auch, wenn wir nun ein neues Leben beginnen.
Du hast Recht, wie immer. Lass uns gehen, es wird Zeit, diesen Lebensabschnitt hinter uns zu lassen.
Medea, noch einen Moment.
Was möchtest du noch, Lyssa?
Wirst du das Herz von Jason zu erobern suchen?
Ich denke, das habe ich schon getan, Lyssa. Alles weitere wird die Zeit für uns erledigen, aber ich habe mit Jason meinen perfekten Mann gefunden.

An Bord der Argo

(Einige Tage sind vergangen. Die Verfolger von König Aietes lassen sich durch jedes noch so waghalsige Manöver nicht abschütteln und verfolgen die Argo unablässig. Medea und Jason sind sich in der Zwischenzeit näher gekommen und ihre Liebe scheint nun vollends aufzugehen. Um Medea dauerhaft an Jason zu binden und auch ein Eingreifen von König Aietes zu verhindern, ist bereits eine Heirat geplant. Diese soll auf der nahen Insel Korkyra stattfinden, doch dazu müssen erst die Verfolger abgeschüttelt werden.)
Oh, Absyrtos, dieser Sternenhimmel hier hätte dir sicher gefallen. Nun möchte ich ihn zumindest nutzen, um dir die letzte Ehre zu erweisen. Beschütze uns fortan auf unserer Reise. Zugleich wirst du für immer einen Platz in meinem Herzen haben und auch die anderen Kolcher werden dich nie vergessen.
(Mit einer beschwörenden Geste wirft sie die Überreste Absyrtos` ins Meer. Dies wird auch bei den Verfolgern der Argo beobachtet. Aufgeschreckt und in Gedanken an einen Fluch Medeas brechen sie die Verfolgung ab und kehren nach Kolchis zurück. Ihr Versagen wird sie später das Leben kosten.)
Sieh nur Medea, die Verfolger geben nun endlich auf. Damit steht uns nun nichts mehr im Wege, mein zukünftiges Weib.

Hafen von Jolkos

(Nachdem Medea und Jason auf Korkyra den Bund der Ehe geschlossen haben, segelt die Argo in den Heimathafen von Jolkos. Triumphierend präsentiert Jason das goldene Vlies seinem Onkel Pelias, dem König von Jolkos. Anstatt ihm nun den Thron zu überlassen, setzt Pelias Jason ein Ultimatum. Er muss die Insel binnen 24 Stunden verlassen, da ihm sonst der Galgen droht. Jason eilt zum Hafen.)
Da kommt der neue König von Jolkos.
Wenn dem doch so wäre.
Aber du hast doch alles erfüllt, was von dir verlangt war.
Ja, aber das war meinem Onkel wohl noch nicht genug. Wir müssen Jolkos verlassen, sonst erwartet mich der Galgen.
Oh, Jason, das könnte ich nicht zulassen. Wenn uns hier keine glückliche Zukunft erwartet, dann müssen wir uns eben nach einer anderen Heimat umschauen.
Meine Gedanken kreisen um Korinth. Dort wird man uns sicher herzlich empfangen. Ich habe dort einige Freunde und auch ihr Kolcher seid sicher willkommen.
Solange ich mit dir zusammen bin, stört es mich nicht, wo wir unser Leben verbringen. Dennoch hoffe ich, dass alles so eintrifft, wie du es sagst.
Das hoffe ich auch, lass uns nun aufbrechen.

Palast von König Kreon in Korinth, Medeas Wohngemach

(Medea und Jason erreichen einige Tage später Korinth. Herzlich wird die Gemeinschaft von den Korinthern aufgenommen. Die Kolcher und Kolcherinnen leben gemeinsam in einem Viertel, Medea und Jason jedoch beziehen Quartier im Palast von König Kreon. Während Jason bei einer Audienz weilt, macht sich Medea Gedanken über die Zukunft.)
Eine lange und beschwerliche Reise liegt hinter uns. Doch nun scheint es endlich soweit zu sein, dass Jason und ich eine neue Heimat gefunden haben. Der Palast erinnert in keiner Weise an Kolchis, es ist alles prunkvoller ausgestattet, wie ein wahrer Palast. König Kreon ist ein gutmütiger Mann und auch das Volk der Korinther hat unsere Gemeinschaft akzeptiert. Ich könnte so glücklich sein, wenn Absyrtos doch hier wäre, aber ich muss ihn vergessen. Ich muss meine ganze Vergangenheit vergessen. Heute ist Korinth, heute ist mein neues Leben.